Dschjoti im Himmelreich

Magic Rosenstein

Während ich mit Wind und Wolken, bei Sonnenschein sowie im Regen und im Nebel durch die lebendigen Wälder, Berge und Wiesen wandere, entferne ich mich vom Alltag und den Geräuschen der Zivilisation. Die Stille nimmt mich in sich auf. An einen Baum gelehnt fühle ich die Natur und versuche zu verstehen.

Indem ich die Augen schließe, beginne ich klarer zu sehen. Nur das Zwitschern der Vögel und das Summen der Insekten sind noch zu hören.

Beim Philosophenweg in Heubach erinnere ich mich an die Levadas von Madeira, künstliche Wasserläufe, die dort zur Bewässerung der Felder dienen.

Dieses Mal will ich ins Himmelreich und laufe eifrig den Schildern nach, die dort hin weisen.

Endlich im Himmelreich angekommen steht da ein mir unverständliches Schild auf dem zu lesen ist, dass „der Wanderweg entlang des Waldrandes verläuft“. Da vor mir ein ausgetretener Trampelpfad mitten durch eine blühende Wiese führt, an deren Ende Petrus steht, laufe ich direkt zu ihm hin und werde von ihm angemotzt, dass ich das Schild lesen soll.

Dass die im Himmel nicht hinschreiben können:“ nicht durch die Wiese laufen“, verstehe ich gar nicht und dann gibt es da sogar einen Dienstplan im Himmel, wie im Schaukasten zu lesen ist. So etwas ist nichts für mich und so laufe ich weiter zum  140m hohen Fernmeldeturm.

Als es noch analoges Fernsehen gab, war er noch 162,5 Meter hoch. Weil das Fernsehen jetzt digital ist und man jetzt nicht mehr so weit sehen kann wie früher, laufe ich weiter zum Rosenstein, vorbei am Beurener Kreuz und dem Hohen Fels. Als ich dort auf dem Berge stand und auf die Landschaft unter mir blickte, da trat die Sonne hinter den Wolken hervor und plötzlich sah und verstand ich die Welt, von der die unsrige nur ein undeutlicher Schatten ist.

Besonders wenn ich den Wald betrete ziehen mir die Naturgeister den Schleier von meinen Augen weg, so dass ich das Besondere in ihrem Reich erkennen kann. In dieser überwältigenden Fülle der Pflanzen im grüngelben Dämmerlicht   tauche ich ein in die Energie eines Märchenreiches und vereine mich mit der Seele des Waldes. Nicht lange dauert es, bis ich die Tiere im Dickicht erspähe, die dann scheu Reißaus nehmen. Ich höre die Stimmen der Ahnen im Rascheln der Bäume im Wind…

Vom Parkplatz aus strömen die Scharen aus ihren Autos zur Gaststätte um Kümmelbauch mit Sauerkraut und Ähnliches zu verspeisen.

Nach dem Überqueren einer Stahlbrücke, früher war es eine Zugbrücke, die, in starken Ketten hängend, sich über die gähnende Felsenkluft legte, kam ich zu den Überresten einer mittelalterlichen Burg, der Rosensteinruine, wo früher die Raubritter ihre Beute brachten.

https://www.youtube.com/watch?v=5zdPw5S-nZY

Auf dem steilen Pfad an den Felsen und Höhlen vorbei nach Heubach hinunter waren kaum Wanderer unterwegs und so konnte ich mir auf einer Bank dieses hübsche Gedicht von Jakob Grimmer zu Gemüte führen:

Der Herrgotts Tritt

Hoch ragt, von der östlichen Spitze der Alb,

Ein Felsen, vermoost und verwittert;

Zur Hälfte von Büschen bedecket,

und halb Von löchrigen Mauern umgittert.

 Tief unter ihm grünet die lachende Flur,

Ein blühender Garten, verbreitet,

Rechts fließet die Rems,

von der Hand der Natur Um rebige Hügel geleitet.

Hier ließ, auf der Spitze des Felsens,

von fern Des Schwabenlands liebliche Auen,

Vor grauen Jahrhunderten,

Christum den Herrn, Satan, der Versucher, beschauen.

 „Sieh!“ sprach er, und deutet ins Remstal hinein,

„Des Weinstocks erfreuliche Spenden,

Die schönen Gefilde da rechts an der Lein;

Und Ellwangens fette Präbenden;“

 „Und links, über Rechberg und Staufen hinauf

Den Wechsel der Dörfer und Wälder;

Und hin wo der Klemsbach in schlängelndem Lauf

Sich windet durch blühende Felder;“

„Bis hin, wo die Ens mit dem Neckar vermählt,

Durch Schwabens Elisium fließet,

Und Mutter-Natur auf die schönere Welt

Die Schale des Segens ergießet.“

„Sieh! ringsum das Alles,und beuge das Knie

Vor mir,und du sollst es gewinnen!“

– Doch Christus entgegen ihm donnerte:

– „Flieh, Verfluchter, und heb’ dich von hinnen!“

–  Da kollerte Satan die Berge hinab;

Es bannt’ in der Belzebubs Klinge,

Ein langes Jahrtausend in’s felsige Grab

Der Fluch, den Verderber der Dinge.

 Da liegt er an Ketten, mit bitterer Buss

Den Gräuel der Sünden zu büßen,

Drum sieht man dem Berge, den schwärzlichen Fluss

Satanischer Tränen, entfließen.

Doch Christus, der Mittler, mit mächtigem Schritt

Ging über die Berge von hinnen,

Tief drückte die Spur sich vom Herrgottestritt

Auf Scheulbergs und Rosensteins Zinnen.

Hier sieht man, landauswärts, auf spitzem Gestein,

Dort drüben, landeinwärts, vom Fuße

Noch immer das Zeichen, auch ehren’s gar fein

Die Pilger, mit brünstigem Kusse.

Dran bauten die Herren von Rosenstein

Ein Schloss unter Buchen und Ellern,

Und tranken gar stattliche Humpen voll Wein,

Aus felsengegrabenen Kellern.

Und raubten gewappnet Tal ab und Tal auf,

Nie waren die Straßen geheuer;

Und holten sich Augsburger Waren hinauf,

Und bargen’s in felsiger Scheuer.

Gegenüber der Burg hat, durch Wunder bekannt,

Verrichtet an heiliger Stelle,

Die heil’ge Maria, zum Beißwang genannt,

Im Eichenwald eine Kapelle.

Es hatte sie Friederich, der mit dem Biss,

Gestiftet, so lautet die Kunde,

Da, wo man der Mutter ihn weinend entriss:

Drum heißet sie: Beißwang, zur Stunde.

Dort hinkten viel Tausend auf Krücken hinein,

Und gingen auf eigenem Beine Heraus:

darum glänzten, von Edelgestein Und Golde,

die heiligen Schreine.

Da stiegen, – es blies ihnen Satanas ein,

– Die Rosensteiner zu Rosse,

Und stürmten die Kirch’ und erbrachen den Schrein,

Und brachten den Schatz nach dem Schlosse.

Da brauste von Beißwang herüber der Sturm,

Es krachten die moosigen Eichen,

Es prasselten stürzend das Schloss und der Turm,

Und deckten mit Steinen die Leichen.

Trotz Sturmgeheul, Donner und leuchtendem Strahl,

Den Zeugen der himmlischen Rache,

Vernahmen die zagenden Pilger im Tal

Des Satans entsetzliche Lache.

Im Schlosse da siedeln sich Raben jetzt ein;

Bleich wanken des Nachts und mit Trauern

Die modernden Ritter von Rosenstein,

Rund um die verfallenen Mauern.

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2 Kommentare zu “Dschjoti im Himmelreich

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