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Von Lucknow nach Varanasi

Unserem Taxifahrer wurde nachts in seiner Unterkunft seine Geldbörse gestohlen. Wir mussten ihm Geld für Benzin ausleihen, damit er zurückfahren konnte.

Auf unserem Landeanflug nach Varanasi erfuhren wir, dass wir noch eine Weile kreisen müssen, weil sich Tiere auf der Landebahn befinden. Nach einer halben Stunde erhielten wir endlich die Landeerlaubnis.

Wir wurden von einem netten geschäftstüchtigen Inder abgeholt, der aber nicht mit seinem Goldschmuck bei uns den Eindruck eines Mafiosis hinterließ. Er besorgte uns ein tolles Hotel, weil das von uns über das Internet gebuchte einige Nachteile hat. Es steht z. B. häufig bei Monsun hüfttief im Wasser und wie sollen wir dann mit unseren Koffern zum Taxi kommen? Weiterhin passen in die engen Gassen weder Autos noch Rikschas und mit den Koffern kämen wir gar nicht an den Kühen vorbei. Das hörte sich ja schon merkwürdig an aber immerhin bekamen wir das Turmzimmer mit herrlicher Aussicht.

Auf seinen Vorschlag, abends im Dunklen mit einem klapprigen Boot auf den Ganges hinauszufahren um an einer Aarti, einer Feuerandacht teilzunehmen, gingen wir lieber nicht ein. Die Vorstellung mit diesem klapprigen Gefährt zu kentern und in das eklige Wasser, mit den darin herumschwimmenden Leichenteilen zu fallen, war viel zu gruselig. Arme Tote werden nämlich nicht vorher verbrannt und bei den Reichen reicht oft das Brennholz nicht aus.

Im Hotel hängen Bilder von Berühmtheiten, wie z. b. die legendäre indische Freiheitskämpferin
Rani von Jhansi, eine indischen Jeanne d`Arc, die indische Rebellen im Kampf gegen die britischen Kolonialherren anführte.

Rani von Jhansi

Zögernd trauten wir uns aus dem Hotel heraus in die quirlige eigenartige Welt des Assi Ghats. Vorsichtig mischten wir uns unter die Menge aus Büffelherden, Streifenhörnchen, Geckos, Ziegen, Hunde, Krähen und alle Arten von Menschen. Aber selbst die Sadhus passten besser in die Umgebung als wir. Immer fielen WIR irgendwie auf.

Nach und nach, als nichts Schreckliches passierte, wurden wir mutiger und wollten in den Gänsetempel hinein, aus dem laute Musik schallte. Aber am Eingang schob eine GANS Wache, so dass sich keiner an ihr vorbei und hinein traute.

Unsere Schweißausbrüche wegen der schwülen Monsunhitze steigerten sich mit der Zeit ins Unermessliche. Ich schleppte schon die ganze Zeit außer meinem völlig durchnässten Schal ein Handtuch mit mir herum, das ebenfalls recht schnell von den rinnenden Schweißbächen klitschnass war, genauso wie unsere gesamte Kleidung. Im Hotel hatten wir zwar eine Dusche, aber davon wurde das ganze Zimmer nass und die Luft noch feuchter. Also ließen wir das und puderten uns stattdessen, so wie die Leute zu Zeiten Ludwig des XIV. Da es sowieso überall nach verbrannten Leichen stank, fiel das auch niemandem auf.

Unser Taxi hatte plötzlich einen Platten und mitten auf der Straße im dicksten Verkehr wurde der Reifen gewechselt. Weil ich befürchtete, dass unser Taxifahrer dabei umkommt, habe ich erst mal den Verkehr ums Auto herum gewinkt. Das hat sogar funktioniert. Alle fuhren schön brav mit dem üblichen Gehupe um uns herum. Kaum war der neue Reifen drauf, standen wir ewig im Stau um ein paar Meter weiterzukommen. Dann war die Autobatterie leer. Während uns mehrere hilfsbereite Inder wieder anschoben, kam eine johlende Beerdigungsprozession vorbei.

Zum Glück gab es im Hotel sehr gutes Essen auf der Terrasse vor unserem Turmzimmer.

Scheiße in Lucknow

An unserem letzten Tag in der 2 Millionenstadt Lucknow fuhren wir morgens schon zeitig los und sahen überall die Menschen auf der Straße ihre Morgentoilette verrichten. Haare wurden geschnitten, Ohren geputzt und dann stank es auf einmal fürchterlich. Aus einem Rohr wurde Scheiße entleert. Es war mir ein Rätsel, wieso es dort Zuschauer gab.

Scheißbrühe

Aber dieser Tag hatte es in sich. Als ich fasziniert die Silhouette der Chota Imambara
mit meiner Kamera einfangen wollte passierte es: ich landete mit meinen Treckingschuhen in einem saftigen Kuhfladen und brauchte eine Weile, bis ich die wieder im Gras des Parks verteilt hatte.

Über den Wasserbecken flogen unzählige große Libellen herum, weil es bald Monsunregen geben würde.

Damit ich nicht allzuviel belästigt werde, hatte ich mir große Mühe gegeben, mich so zu verkleiden, dass ich nicht als Europäerin erkannt werde. Ich trug, wie viele Inderinnen eine lange Kurta zu dunkler Hose und eine Dupatta, den obligatorischen langen Schal mit vielen Verwendungsmöglichkeiten, den die Inderinnen immer um ihren Hals schlingen und ein muslimisches Kopftuch, damit meine hellen Haare nicht darunter hervor wehen. Aber irgendwie fiel ich doch auf und so kamen ständig irgendwelche Personen, hauptsächlich Kinder und wollten mit aufs Bild und wollten wissen woher wir kämen, wohin wir gingen, ob wir zufällig einen Kugelschreiber übrig hätten ….

Später wollten wir noch einige Einkäufe in einer Mall erledigen. Zuerst mussten wir dort Eintritt bezahlen. Dann fuhren wir in die Tiefgarage, wo uns lauter Polizisten mit Metallsuchknüppeln erwarteten. Bei Andis Kamera piepsten sie und nahmen sie ihm ab. Es könnte eine Bombe drin sein.
In der Mall gab es kaum Läden und die Preise waren höher als in Deutschland. Wenigstens gab es dort unsere dicht versiegelten Wasserflaschen.

Wahlplakat

Auf der Rückfahrt kamen wir an lauter Wahlplakaten vorbei. Ratet mal, wen ich wohl wählen würde!

Flucht in den Zoo

Nachdem wir vom Straßenlärm Lucknows genug hatten und beschlossen haben uns im Zoo davon zu erholen, wurden wir dort von johlenden Brüllaffen begrüßt:

Aus den großen magischen Augen der Hirschkühe schaute uns die Göttin ebenso an, wie aus dem lachenden Maul des badenden Elefanten Ganesha. Der Löwe schien sich besonders für uns Weiße zu interessieren – ob wir mal wieder duschen müssen?

Uralte Banjanbäume und bunte Tempelchen schmückten die Wege und wir konnten uns langsam vom Lärm erholen.

Später liefen wir staunend über den Markt und kauften Früchte in der Mall. Das ist sowas ähnliches wie unsere Einkaufszentren, nur dass wegen den Terroristen die Taschen nach Handgranaten durchsucht werden.

IndischesWortzumSonntag

Abends im Hotel gab es dann das indische „Wort zum Sonntag“ im Fernsehen.

Wo, verflixt noch mal, gibt es in Indien indische Bücher?

Als wir mit zweistündiger Verspätung völlig genervt von der Terroristenhysterie an den Flughäfen endlich in Lucknow eintrafen, wartete schon eine blutrünstige Meute im Taxi auf uns. Wir erschlugen bestimmt 30 von ihnen und hofften, dass es keine Malaria übertragende Moskitos waren, weil uns schon etliche gestochen hatten. Aber bei dem großartigen Empfang im Hotel mit einem netten Radjputen vergaßen wir unsere Stiche schnell wieder.

Radjpute

Wir machten uns bald wieder auf den Weg zum Botanischen Garten. Auf den Straßen tummelten sich jede Menge von Menschen, Kühen, Hunden, Ziegen. Als wir sahen, dass die Kühe den ekligen Müll, der überall herumlag fraßen, beschlossen wir keine Milch mehr zu trinken.

Im Botanischen Garten durften wir nicht fotografieren. Vielleicht befürchtete jemand, wir könnten die Baumgeister in unserer Kamera verschwinden lassen. Abmalen war kein Problem. Jetzt befinden sie sich in meinem Notizbuch.

Dann wollten wir ein richtiges indisches Buch kaufen, also eines, das in Hindi geschrieben ist. Wir liefen von einem Buchladen zum anderen und fanden Unmengen von hochspezialisierter englischer Fachliteratur. Sogar „Mein Kampf“ vom Adolf auf Deutsch lag da herum. Wir krochen bis in die hintersten Winkel der Läden in unheimlich dunkle modrige stinkende Keller hinter Kellern und fanden Bücher, die noch verpackt, aber staubig waren und aussahen, als ob sie 100 Jahre alt wären, aber wir fanden kein Buch auf Hindi. Wir haben aber auch keine Inder indisch lesen gesehen. Schließlich sind im Norden 80% aller Inder Analphabeten und die gebildeteren Mittelschichtler lesen Englisch.

Dann versuchten wir es mit CDs und DVDs, die überall angeboten wurden. Aber niemand wollte uns Original- CDs verkaufen, es gab fast nur Raubkopien. Wie wir die durch den Zoll kriegen sollten, konnte uns auch keiner sagen.

Auf dem Weg zurück ins Hotel kamen wir wohl in die Rushhour. Es fuhren plötzlich 5 Personen zusammengequetscht auf einem Motorrad vorbei. Genauso überfüllt waren die Rikschas, die Busse oder auch Lastwagen auf denen die Menschen aneinandergedrängt standen. Am Straßenrand wuschen sich Menschen und zogen neue Unterhosen an oder ließen sich kämmen oder die Ohren putzen.

Müllsammler

Dazwischen wühlten Leute aus der Müllsammelkaste im überall verstreuten Abfall herum. Der Straßenlärm war ohrenbetäubend, weil jeder hupte so viel er wollte und so lange er konnte.

Wir überlegten uns, wo wir hingehen könnten, um uns von dem Lärm zu erholen. Wir dachten, der Zoo wäre nicht schlecht….