Tag-Archiv | Perücken

Die Geister beim Theater

Wir trafen uns beim „im po sand en“ Denkmal vor der Landesbühne, welches sich der Architekt selbst gesetzt hatte. Obwohl er inzwischen schon älter geworden war, habe ich ihn bei 150-er Jubiläumsfeier noch erkannt.

Aber in Theaterhäusern gehen noch mehr Geister umher. Geister verstorbener Schauspieler und Autoren, Seelen von Figuren aus den gespielten Werken, deren Namen nicht einmal ausgesprochen werden dürfen, wie „Macbeth“…

Treppenhaus

Beim Eintreten in die heiligen Hallen spürte ich die Anwesenheit von Wesen aus der Vergangenheit. Während unsere Führerin darüber sprach, dass die Schauspieler zirka zwei Stunden vor dem Spieltermin zur Maskenbildnerin kommen müssen, dass sie meistens mehrere Rollen im Wechsel aufführen müssen und ihre Künstlerverträge jährlich verlängert werden oder auch nicht, drängten sich die Wesenheiten immer näher an uns heran.

Wir sahen die ausgehängten Spielpläne und Arbeitszeiten mit der 2-stündiger Mittagspause und den schwierigen Arbeitsbedingungen unter den heißen Lampen. In der schwül-warmen Luft war es schwierig zu atmen. Aus den Stühlen der Zuschauer weht uns aber ein kühles Lüftchen entgegen.

Wir erfuhren Einiges über den Transport sperriger Güter von und zu den Werkstätten.
Die Akustik war so gut, dass wir von den obersten Rängen aus die geflüsterte Einladung zum Kaffee gut verstehen konnten.

Theatermenschen pflegen heutzutage immer noch uralte heidnische und abergläubisch Rituale, deren Wurzeln bis ins finsterste Mittelalter zurückreichen. Was tun sie nicht alles um die Theatergeister zu besänftigen!

So müssen sie bei einem Fehler drei Mal ums Theater herumgehen und anschließend wieder um Einlass bitten um die wild gewordenen Theatergeister, das sind ehemalige Künstler, zu beschwichtigen.

Geister der drei Hexen aus Macbeth oder der Geist der Hekate können die Aufführung total schmeißen.

Übrigens ist im Theater alles verboten:

Vor der Aufführung darf man nicht „viel Glück“ wünschen, sondern sagt stattdessen: „toi, toi, toi“ und spuckt sich über die linke Schulter.
Sagt es trotzdem jemand, so darf man niemals mit „Danke“ antworten, sondern höchstens mit einem „Wird schon schiefgehen“! So kann man die Geister verwirren.

Auch zu diesem wohlgemeinten „Toi toi toi“ vor der Premiere darf man nichts antworten, damit man die Premiere nicht vermasselt.

Bei der Generalprobe darf man nicht applaudieren, weil sonst die Premiere schlecht wird.

Auf den Holz- Brettern die die Welt bedeuten wird nicht gegessen, weil sonst die Ratten kommen.

Mit einem Hut darf man nicht über die Bühne gehen, weil sonst die Zuschauer weglaufen.

Der Ausdruck „Hals- und Beinbruch (englisch: „Break a leg“) genannt, kommt ursprünglich aus dem Elisabethanischen Zeitalter. Nach der Applaus-Anordnungen kam bei der dritten Verbeugung das sogenannte „breaking leg“, der Hofknicks dazu.

Pfeifen ist im Theater strikt verboten, weil sich so die Bühnentechniker verständigten. Auf diese Weise wurde zum Beispiel eine Wand von oben herrunter gelassen. Diese herunterfahrende Wand könnte ja jemanden auf den Kopf treffen. Auch als die Theater noch mit Gaslampen beleuchtet wurden, rannten alle aus dem Theater hinaus, wenn eine Gasleitung leck war und pfiff.

Alle heißt, dass noch viel mehr Leute hinter den Stellwänden sitzen, als das Publikum zu sehen bekommt. Zum Beispiel der koordinierende Disponent, der Feuerwehrmann hinter dem kleinen Fenster, der Intendant, der das Pult mit Knöpfen koordiniert und die Inszenierung hinter den Kulissen inspiziert, der Regieassistent der die Künstler betreut und die Souffleuse, die oft in der 1. Reihe sitzt.

In der Klamottenkammer stapelten sich nicht nur antike Gewänder aus jedem Zeitalter, sondern auch künstliche Bäuche und Buckel, Hüte… Es sah dort aus, wie im Lager einer Hexe, die die Menschen in Arbeitssklaven verwandelt hat, die nur manchmal wieder am Leben teil nehmen dürfen.

Wir erfuhren in der Schneiderei, wie sorgfältig die Kleidung vorbereitet sein muss, damit die Schauspieler wenig Zeit zum Umziehen benötigen.

Maskenbildnerinnen bewahrten alte vergammelte Hände, Masken und Nasen in Kisten auf.

Skalpe

In den Schränken hatten sie jede Menge Skalps wie Haare und Bärte versteckt. Auf einem Regal über der Türe hingen Werkzeuge die wie Folterzangen und Fleischwolf aussahen. Es waren angeblich Werkzeuge für S-Krause und Rasiermesser. Ich hatte das Gefühl, als ob wir doch in einem Hexenreich waren.

Ich vergaß mein mulmiges Gefühl wieder als wir uns schief lachten, weil eine Rothaarige mit Bubikopf plötzlich langhaarig erblondete. Sie hatte die vorgeschriebene Ruhezeiten zwischen Schminken und Spielen allerdings nicht eingehalten.

Die Maskenbildnerinnen knüpfen von Hand Perücken aus Büffelhaaren und aus asiatischen Haaren.
Eine Perücke braucht ungefähr 1 Monat Arbeitszeit, je nach Kopfgröße und Haarlänge und – dichte.
Mit Klammern werden die eigenen Haare hochgesteckt, ein Haarband wird drum herum gewickelt und die Perücke wird mit Haarklammern festgesteckt.

Dann traten en wir ins Traumreich der meisten Frauen: Schuhe in allen Varianten. Sollten wir etwa verlockt werden hierzubleiben?

Schuhe

Seid also in Zukunft vorsichtig, wenn ihr ins Theater geht. Überall lauern Gefahren. Ein über die falsche Schulter Spucken oder ein verträumtes Liedchen pfeifen, kann äußerst peinliche Zwischenfälle hervorrufen!

Wem es noch immer noch vor nichts graut, kann hier noch mehr über die Theatergeister erfahren:

http://westfaelisches-landestheater.de/rund-ums-wlt/hinter-den-kulissen/die-theatergeister—aberglaube-am-theater-nr-2-kolumne-sophie-schmidt-5/